DIE+JOURNALISTENSCHULE+VON+GARC%C3%ADA+M%C3%A1RQUEZ

 
 
 
[...] Gabo ist der karibische Kosename für Gabriel García Márquez. In dem kolumbianischen Kolonialstädtchen Cartagena hat der Nobelpreisträger für Literatur viele Jahre seines Lebens verbracht. Vor zehn Jahren gründete er dort eine Journalistenschule, die Fundación de Nuevo Periodismo Iberoamericano (FNPI). Hier sollen gute Investigatoren und von der Magie der Sprache und dem Spiel mit Geschichten beseelte Erzähler herangezogen werden, klassische Reporterfiguren, wie man sie aus den Anfangszeiten der Großstadt kennt.

Siebzig Prozent der Berufsanfänger im Journalismus, so sagen die Umfragen, knüpfen ihren Berufswunsch an den Mythos der Reportage. Sie wollen selbst ein storyteller werden. Kaum einer erreicht das Ziel. Es ist nie anders gewesen. Statt in die internationale Elite aufzusteigen, warten auf die meisten die entzauberte Welt der Medienindustrie und das dürre Brot des media worker, des Informationsverwerters.

Dreitausend Absolventen haben die FNPI schon durchlaufen. In ihr gibt es weder Zeugnisse noch Teilnahmebestätigungen. Die Kost auf dem Stundenplan unterscheidet sich auf den ersten Blick nur unwesentlich vom Angebot hiesiger Volontariate oder Hochschulen. Aber eben nur auf den ersten Blick. Der Kurs heißt nicht Kurs, sondern ganz handwerklich taller, Werkstatt.

Die Bewerber, in der Regel um die dreißig Jahre alt, sollen bereits fest im Beruf verankert sein. Bei der Auswahl der Stipendiaten achtet die Stiftung weniger auf formale Qualifikation als auf das persönliche Bild.

Gefragt sind eine ›ehrliche Subjektivität‹, Empathie, Passion und eine Berufung zum Beruf. Auch der Dozent ist kein Dozent, sondern ein maestro, ein Vorbild. [...] Obenan im Wertekatalog stehen eine personale Form der Wissensvermittlung und die Weitergabe eines journalistischen Gestus, einer Haltung und ›Handschrift‹, die man imitieren soll.

Topografische Mittelpunkte der Kurse bilden die Redaktionskonferenzen und die tertulia, der entspannte Schwatz in den Kaffeepausen, bei dem es aber durchaus zur Sache gehen kann. Ehrfürchtig und andächtig lauschen die Jungen der meisterlichen Kritik. Zum Wertekosmos dieser scholastischen Bildungsidee gehört die dauerhafte Freundschaft. Der Meister begleitet die Novizen auch nach dem Kurs weiter, und diese bleiben sich wie eine "Mafia" (García Márquez) ihr Leben lang verbunden.

So ist auch Cartagena nur das Mutterhaus des Werkes. Der Rest ist ein Wanderzirkus. [...] In den nächsten Jahren will García Márquez’ Wanderzirkus vermehrt auch in Europa gastieren, mit der Iberischen Halbinsel als Einfallstor. Die Kulturmission der kolumbianischen Kosmopoliten kann nicht schaden, dem alten Gaul des Geschichtenerzählens wieder auf die Sprünge zu helfen.

aus: Hans-Volkmar Findeisen: Zeilen aus Macondo
Die Zeit 29.12.2005 Nr. 1

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